Ein menschenähnlicher Roboter springt auf ein Auto, beschädigt das Blech mit Schlägen und Tritten und schlägt danach mühelos einen Salto. Das chinesische Unternehmen Unitree zeigt in einem neuen Video, wie kraftvoll und beweglich sein H2-X inzwischen ist. Die Bilder sind spektakulär, werfen aber auch eine unbequeme Frage auf: Wenn Roboter künftig so stark werden, wollen wir sie dann wirklich überall unter Menschen bewegen lassen?
Der am 21. Oktober vorgestellte H2-X ist im Video nicht nur eine Kampfmaschine. Er wird auch als eine Art Beschützer inszeniert: als Roboter, der einen bedrohlichen Angreifer abschreckt und in einer Notlage zu helfen versucht. Unitree nennt die Vorführung ‘Kung Fu Legend Guardian’. Nach Angaben des Unternehmens wurden die Aufnahmen nicht beschleunigt. Dennoch handelt es sich um sorgfältig aufgebaute Szenen und nicht um einen Beweis dafür, dass der Roboter eine echte Notlage selbstständig beurteilen kann.
Ein Schlag gegen ein Auto zeigt, wie viel Kraft frei wird
In den ersten Szenen trifft der H2-X ein Auto mit Armen und Beinen. Er springt auf das Dach, zeigt akrobatische Bewegungen und tritt gegen das Blech. Zu sehen ist auch ein Sprung von einer Plattform, die im Video als vier Meter hoch bezeichnet wird. Die Vorführung fällt gerade deshalb auf, weil ein menschenähnlicher Roboter bei solchen Bewegungen ständig das Gleichgewicht halten muss.
Hinter diesen scheinbar einfachen Aktionen steckt ein komplexes Zusammenspiel aus Elektromotoren, Gelenksteuerung, Sensoren und Software. Bei einem harten Schlag muss ein Roboter seine Kraft übertragen, ohne selbst umzufallen. Bei einer Landung muss er die Bewegungsenergie abfangen und sich sofort wieder stabilisieren. Dass Unitree solche Aktionen zeigen kann, deutet auf Fortschritte in Mechanik und Steuerung humanoider Roboter hin.
Das Video verrät jedoch nicht, wie viele Versuche nötig waren, wie viel menschliche Steuerung im Spiel war oder wie der Roboter reagieren würde, wenn unerwartet ein Mensch in seinen Bewegungsraum tritt. Ein spektakulärer Stunt ist etwas anderes als ein sicheres, wiederholbares Produkt.
Der Roboter als Wächter oder Retter
Später zeichnet das Werbevideo ein ganz anderes Bild. Der H2-X steht zwischen einer Frau und einem Schauspieler mit einem Messer. In einer anderen Szene hebt er die Front eines Autos an, um eine Rettung zu ermöglichen. Außerdem schiebt er eine Puppe aus der Bahn eines Fahrzeugs. Damit deutet Unitree Einsatzmöglichkeiten im Sicherheitsbereich und in der Hilfeleistung an.
Doch ein Roboter, der in einer inszenierten Szene einen Schauspieler aufhält, ist noch kein autonomer Sicherheitsmann. Dafür müsste er zuverlässig erkennen, was eine echte Bedrohung ist, welche Menschen zu schützen sind und wie viel Gewalt zulässig ist. Eine Fehleinschätzung kann schwere Verletzungen verursachen. Für diese Entscheidungen liefert das Video keine unabhängigen Testdaten.
Die Technik entwickelt sich derweil rasant
Der H2-X steht nicht allein. Unitree arbeitet zugleich an Software, mit der Roboter Bewegungen und Aufgaben jenseits eines fest einstudierten Ablaufs besser bewältigen. Im September stellte das Unternehmen sein UnifoLM-X2-Modell für dynamische Robotersteuerung vor und behauptete, ein humanoider G1 könne selbstständig mit einem Menschen sparren. Wie selbstständig der Roboter tatsächlich ist und wie er außerhalb der Vorführung abschneidet, muss dabei jeweils gesondert beurteilt werden.
Auch außerhalb von Unitree kommen Forscher voran. Anfang Oktober wurde die Workhorse-Methode vorgestellt, bei der ein Unitree G1 anhand menschlicher Vorführungen unter anderem einen Gegenstand fängt, auf einen Koffer klettert und Objekte umsetzt. Das sind keine Superheldenstunts, sondern genau die Fähigkeiten, die in Lagerhallen, Fabriken und anderen Arbeitsumgebungen einmal nützlich werden können.
Bei der Entwicklung geht es zudem um mehr als Muskelkraft. Ein Roboter muss seine Umgebung wahrnehmen, seine Handlungen planen und sich fangen können, wenn etwas anders läuft als erwartet. Erst die Kombination aus starker Hardware und immer besserer KI macht aus einem Showroboter einen brauchbaren Assistenten.
Wollen wir so starke Roboter?
Ein kraftvoller Humanoide kann viel Gutes bewirken. Man denke an gefährliche Arbeit bei Bränden, das Bewegen schwerer Materialien, Inspektionen in riskanten Umgebungen oder die Unterstützung von Rettungskräften. Doch dieselbe Kraft kann gefährlich werden, wenn ein Roboter einen Fehler macht, gehackt oder bewusst missbraucht wird.
Das erfordert andere Sicherheitsnormen als bei einem Roboterarm hinter einem Zaun in der Fabrik. Ein menschenähnlicher Roboter im öffentlichen Raum muss wissen, wann er Abstand hält, wie viel Kraft er ausüben darf und wie er sofort sicher stoppt. Zudem muss klar sein, wer verantwortlich ist: der Hersteller, der Eigentümer, der Softwarelieferant oder derjenige, der den Roboter steuert.
Das Dilemma ist nicht nur technischer Natur. Wollen wir Roboter, die selbstständig körperlichen Zwang anwenden dürfen? Darf ein kommerzieller Roboter jemanden festhalten? Und wer entscheidet, wann eine Bedrohung ernst genug ist? Gerade wenn solche Systeme eines Tages für Sicherheits- oder Militäraufgaben eingesetzt werden, sind menschliche Aufsicht und klare Grenzen unverzichtbar.
Ein Showvideo beweist keine vollständige Autonomie
Unitree gibt für den H2-X eine Laufzeit von etwa acht Stunden an, doch die verfügbaren Erläuterungen beziehen sich auf das Stehen und nicht auf acht Stunden ununterbrochenes Springen, Kämpfen oder Retten. Auch gibt es noch keine breit überprüfbaren Angaben zu Preis, Verfügbarkeit und Einsatzzuverlässigkeit dieser konkreten Ausführung.
Das Unternehmen warnte diese Woche zudem selbst, dass der kommerzielle Markt für humanoide Roboter noch in einer frühen Phase steckt. Der Schritt vom beeindruckenden Video zum alltagstauglichen Roboter ist also noch groß. Gerade deshalb gilt es, zweierlei zugleich anzuerkennen: Der körperliche Fortschritt ist sichtbar, die versprochenen autonomen Anwendungen sind aber noch nicht belegt.
Die eigentliche Frage rückt näher
Vor ein paar Jahren wirkte ein Roboter, der geschmeidig über ein Auto springt, noch wie Science-Fiction. Heute veröffentlicht ein Hersteller solche Bilder als Produktvorführung. Das zeigt, wie schnell die körperlichen Fähigkeiten wachsen, auch wenn der Film sorgfältig inszeniert ist.
In den kommenden Jahren geht es deshalb nicht nur darum, was humanoide Roboter können, sondern vor allem darum, welche Aufgaben wir ihnen anvertrauen wollen. Ein Roboter, der einen schweren Gegenstand heben kann, kann nützlich sein. Ein Roboter, der hart genug zuschlagen kann, um ein Auto zu beschädigen, macht dieselbe Kraft auch zu einer Sicherheitsfrage. Technisch beeindruckend ist nicht automatisch gesellschaftlich wünschenswert.
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