Ein großer SUV, der seine Räder schräg stellt und sich nahezu auf der Stelle dreht: Das wirkt wie ein Messegag. Doch hinter den Manövern dieses Exeed steckt eine ernsthafte Entwicklung. Chery experimentiert mit einem Fahrwerk, das alle vier Räder deutlich unabhängiger ansteuern kann. Das kann ein schwerfälliges Auto plötzlich überraschend wendig machen.
Ist das wirklich nötig? Für die tägliche Fahrt zur Arbeit wahrscheinlich nicht. Bis man in einer Sackgasse wenden, einen engen Parkplatz verlassen oder an einem Hindernis vorbeimanövrieren muss. Dann wird eine Funktion, die zunächst vor allem lustig wirkte, plötzlich deutlich interessanter.
Um welches Auto geht es?
Das Vorführfahrzeug ist ein Exeed Sterra ET, ein SUV aus dem Chery-Konzern, der auf internationalen Märkten auch als Exlantix ET angeboten wird. Es handelt sich um ein Auto mit einem speziellen Demonstrationsfahrwerk. Ein Bericht vom Innovationstag von Chery in Wuhu beschrieb bereits im Oktober 2025 einen Sterra ET mit diesem sogenannten Feiyu Digital-Intelligent Chassis i, einschließlich Seitwärtsmanövern und Drehen auf der Stelle.
Der normale ET ist alles andere als ein kleines Stadtauto. Für die chinesische Modellversion 2025 nennt Exeed eine Länge von 4,955 Metern, eine Breite von 1,975 Metern und einen Radstand von drei Metern. Dieser Abstand zwischen Vorder- und Hinterachse schafft viel Innenraum, erklärt aber auch, warum das Manövrieren auf engem Raum eine Herausforderung ist.
Die ET-Familie umfasst sowohl vollelektrische Versionen als auch Ausführungen mit Range Extender: einem Benzinmotor, der Strom für den Elektroantrieb erzeugt. Das geht unter anderem aus der offiziellen Modellbroschüre für die Emirate hervor. Ausführungen und Spezifikationen unterscheiden sich je nach Markt. Die auffällige Drehfunktion aus der Vorführung ist daher nicht als Serienausstattung jedes ET zu verstehen.
Vier Räder, die mehr dürfen als nur mitrollen
Bei einem normalen Auto bestimmen vor allem die Vorderräder, wohin man fährt. Mit Allradlenkung lenken die Hinterräder mit. Lenken sie bei niedriger Geschwindigkeit entgegengesetzt zu den Vorderrädern, kann das Auto engere Kurven fahren. Lenken sie in dieselbe Richtung, kann es sich schräg versetzen, ohne die Front ebenso weit mitzudrehen: der bekannte „Krabbengang“.
Chery treibt diese Idee mit unabhängig angesteuerten Rädern weiter. Das Feiyu-Demonstrationsfahrwerk kombiniert elektrischen Radantrieb, elektronisch gesteuerte Lenkung und aktive Federung. In seiner Technologiepräsentation vom April 2026 beschreibt Chery zudem die Kombination aus Steer-by-Wire und Brake-by-Wire: Lenken und Bremsen über elektronische Signale.
Indem Radstellungen und Antrieb aufeinander abgestimmt werden, kann sich das Vorführfahrzeug um die eigene Achse drehen. Chery nennt das eine Drehung mit Nullradius. Das heißt natürlich nicht, dass das Auto keinen Platz braucht: Die gesamte Karosserie muss sich weiterhin frei drehen können. Der Vorteil liegt darin, einen großen Bogen und wiederholtes Vor- und Zurücksetzen zu vermeiden.
Vom Messegag zur nützlichen Funktion
Der US-Hersteller GMC zeigt, dass eine verwandte Idee bereits ihren Platz in Serienfahrzeugen gefunden hat. Beim Hummer EV lenkt CrabWalk die Hinterräder in dieselbe Richtung wie die Vorderräder, sodass sich das Fahrzeug diagonal bewegen kann. GMC nennt unter anderem Parken und das Umfahren von Hindernissen auf schmalen Geländestrecken als Anwendungen. Das ist nicht dasselbe wie Cherys Drehung auf der Stelle, doch der praktische Ausgangspunkt ist vergleichbar.
Für das Chery-System bleibt der Schritt von der Vorführung zum Alltagseinsatz entscheidend. Zusätzliche Lenkmechanismen und Elektronik müssen bezahlbar, zuverlässig und gut wartbar sein. Auch die Bedienung muss logisch bleiben. Eine überzeugende Vorführung ist ein Anfang; der Wert zeigt sich, wenn ein solches System jahrelang problemlos bei gewöhnlichen Fahrten hilft.
Die Lehre von SpaceX: weiter ausprobieren
Hier berührt dieses Auto etwas Größeres. Neue Technik wirkt in einer frühen Phase manchmal übertrieben, umständlich oder überflüssig. Das ist kein Grund, jeden Versuch einen Durchbruch zu nennen. Es ist aber ein Grund, über das erste lustige Video hinauszuschauen.
Die Raketen von SpaceX sind ein viel größeres Beispiel dafür, was langes Testen bringen kann. Im Dezember 2015 landete eine Falcon-9-Erststufe nach einem Orbitalstart wieder an Land. Im März 2017 flog erstmals eine bereits genutzte Falcon-9-Erststufe erneut. Der Nutzen der Wiederverwendung war vorher klar; die schwierige Frage war, ob es technisch und praktisch gelingen würde.
Bei einem drehenden SUV stellt sich die Frage anders: Wird der Vorteil groß genug, um die zusätzliche Technik zu rechtfertigen? Das findet man heraus, indem man entwickelt, testet und Nutzer damit arbeiten lässt. Vielleicht bleibt eine Funktion eine Nische. Vielleicht erweist sich eine spätere Version gerade dort als nützlich, woran die ersten Entwickler kaum dachten.
Europa darf neugieriger sein
China hat kein Monopol auf Innovation, und Europa fängt auch nicht bei null an. Doch die Beispiele Chery, GMC und SpaceX zeigen, warum Raum für Experimente wichtig ist. Unternehmen bauen etwas, probieren es aus, verbessern es und entdecken unterwegs, welche Anwendungen Wert haben.
Diese Haltung verdient auch in Europa mehr Anerkennung, in der Industrie wie in den Medien. Kritische Fragen zu Kosten und Nutzen gehören dazu. Einen seltsamen Prototyp nur als lächerlich abzutun, bringt uns kaum weiter.
Heute sieht es aus wie ein Auto, das ein Kunststück vorführt. Morgen zeigt sich vielleicht, dass ein Teil dieser Technik das Parken erleichtert oder ein ganz anderes Fahrzeug wendiger macht. Wer erst anfangen will, wenn der Nutzen unumstößlich feststeht, überlässt das Erfinden anderen.






















