Die Machtverhältnisse im Luftraum verschieben sich nicht mehr durch bessere Wendigkeit oder höhere Spitzengeschwindigkeit, sondern durch Reichweite, Sensoren und Datennetze. Im Zentrum dieser Verschiebung stehen zwei chinesische Luft-Luft-Raketen, die in westlichen Militärkreisen zunehmend für Unruhe sorgen: die PL-15 und die schwerere PL-21. Offizielle chinesische Daten sind rar, doch Gerüchte, Satellitenbilder, Testbeobachtungen und westliche Geheimdiensteinschätzungen zeichnen das Bild von Waffen, die die traditionellen Spielregeln des Luftkampfs verändern können.
Die PL-15 und PL-21
Die PL-15 wurde Mitte der 2010er-Jahre bei der chinesischen Luftwaffe einsatzbereit und gilt als erstes echtes direktes Gegenstück zur westlichen AIM-120 AMRAAM. Unbestätigten Schätzungen aus offenen Quellen zufolge soll die heimische PL-15-Variante eine Reichweite von 200 bis möglicherweise 300 Kilometern haben. Diese Zahlen sind nicht offiziell bestätigt und daher als Gerüchte zu behandeln, werden aber von mehreren Verteidigungsanalysten unabhängig voneinander genannt. Ebenfalls Gerüchten zufolge soll die PL-15 Mach 4 oder mehr erreichen und in der Endphase über einen aktiven AESA-Radarsuchkopf verfügen.

(Foto der PL-21)
China bietet inzwischen auch eine Exportversion an: die PL-15E. Sie wurde von mehreren Ländern gekauft und von China selbst öffentlich als „authentisch, aber im Vergleich zur heimischen Variante eingeschränkt“ bezeichnet.
Mehr Sorgen bereiten den USA die Entwicklungen rund um die PL-21, manchmal auch „PL-XX“ genannt. Über diese Rakete gibt es noch mehr Unsicherheit und Spekulation. Bekannt ist, dass es sich um eine viel größere Rakete als die PL-15 handelt, gedacht für extreme Entfernungen. Gerüchte in Verteidigungskreisen sprechen von 300 bis sogar 400 Kilometern oder mehr, möglicherweise dank Staustrahl- oder kombiniertem Antrieb, der die Rakete länger mit hoher Geschwindigkeit fliegen lässt.
Die vermutete Rolle der PL-21 macht die Rakete strategisch heikel. Anders als die PL-15, die vor allem für Duelle zwischen Jagdflugzeugen gedacht scheint, soll die PL-21 in erster Linie sogenannte High-Value Airborne Assets ins Visier nehmen: Tankflugzeuge, Radarflugzeuge (AWACS), Plattformen der elektronischen Kampfführung und Führungsflugzeuge. Genau diese Maschinen bilden das „Nervensystem“ der US-Luftwaffe. Ohne Treibstoff von Tankern und ohne das Langstreckenradar der AWACS verlieren amerikanische Jäger einen großen Teil ihres operativen Radius.
Für die USA bedeutet das eine grundlegende Bedrohung. Das amerikanische Luftkriegskonzept beruht auf Machtprojektion über große Entfernungen, gestützt auf ein umfangreiches Netz von Unterstützungsflugzeugen. Werden diese schon auf Hunderte Kilometer verwundbar, verschiebt sich die gesamte sichere Operationszone nach hinten. Regionen wie das Südchinesische Meer und vor allem Taiwan werden damit für amerikanische Einsätze strategisch viel riskanter.
China hat nie offen bestätigt, dass die PL-21 diese Rolle erfüllt, geschweige denn, welche Leistungen sie genau hat. Dieses Schweigen ist an sich schon vielsagend. Indem China keine harten Zahlen nennt, zwingt es seine Gegner, mit dem schlimmsten Fall zu rechnen. Das verstärkt die Abschreckung, selbst wenn die tatsächliche Leistung unter den Gerüchten liegen sollte.
Die logische Frage lautet: Was setzt Amerika dem entgegen?
Die wichtigste amerikanische Antwort ist die Entwicklung der AIM-260 JATM. Diese Rakete soll die AMRAAM in der Rolle als Langstreckenwaffe künftig ergänzen und teilweise ersetzen. Wie bei den chinesischen Raketen sind auch hier die genauen Zahlen geheim. Offiziell bestätigt ist aber, dass die AIM-260 eine deutlich größere Reichweite als die AMRAAM haben soll und speziell als Antwort auf Raketen der PL-15-Klasse entworfen wurde. Amerikanische Haushaltsdokumente und Testgebiete deuten darauf hin, dass sich die JATM in einem fortgeschrittenen Teststadium befindet und wahrscheinlich in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts einsatzbereit wird.
Zudem hat die US-Marine die AIM-174B eingeführt, eine Luft-Luft-Version der maritimen SM-6. Diese Waffe ist für Abfangeinsätze auf ultralange Distanz gedacht, gerade gegen große Ziele in sehr großer Entfernung. So entsteht ein gestuftes System: die AIM-260 für Luftkämpfe auf große Distanz und die AIM-174B für spezielle Ziele auf sehr große Distanz.

(Foto: AIM-260)
Doch Raketen allein reichen nicht. Die USA investieren auch massiv in elektronische Kampfführung, bessere Sensoren, neue Datenlinks und autonome Drohnen als vorgeschobene Beobachter. Diese sogenannten Loyal-Wingman-Drohnen sollen chinesische Radare und Raketensysteme frühzeitig orten, damit Piloten der Bedrohung ausweichen oder sie ausschalten können, bevor eine PL-15 oder PL-21 überhaupt gestartet werden kann.
Dann stellt sich die entscheidende Frage: Helfen Tarnkappenflugzeuge wie die F-22 Raptor und die F-35 Lightning II gegen diese chinesischen Raketen?
Die ehrliche Antwort lautet: teilweise, aber nicht vollständig. Tarnkappentechnik verringert die Wahrscheinlichkeit, dass ein Flugzeug vom gegnerischen Radar entdeckt wird, macht es aber nicht für alle Sensortypen und auf alle Entfernungen unsichtbar. Moderne Kriegsführung dreht sich zunehmend um Sensorfusion: Ziele werden über ein Netz aus Satelliten, Schiffen, Bodenradaren und anderen Flugzeugen erfasst. Ein Tarnkappenjäger kann daher dennoch einer Rakete zugewiesen werden, auch wenn diese das Ziel erst später mit dem eigenen Radar sieht. Tarnung verlängert also die Überlebenszeit, bietet aber keinen absoluten Schutz gegen Waffen der PL-15- und PL-21-Klasse.
Deshalb verlagert sich der Fokus zunehmend auf eine Kombination aus Tarnung, elektronischer Kampfführung, Langstreckenwaffen und vernetzter Zusammenarbeit. Wer den Gegner als Erster ortet und auf große Distanz ausschalten kann, gewinnt den Kampf oft, bevor er überhaupt sichtbar beginnt. Amerika steht in dieser Entwicklung also nicht still, sondern stellt sich zunehmend auf China ein.

























